Was wir gerne lesen wollen möchten

Zur Verwendung von Modalverben in Informationsprodukten

Redaktion
© Prostock-studio/ AdobeStock

© Prostock-studio/ AdobeStock

Neulich im Lektorat: Eine Anleitung mit einem Warnhinweis zu explosionsfähigen Atmosphären, orthografisch und grammatisch unbedenklich. Nur eines sprang mir sofort negativ ins Auge: „Der Bediener sollte die Ventile schließen“ stand dort. Die Umstände, unter denen er das tun sollte, tun hier nichts zur Sache; dass er etwas tun „sollte“ und nicht etwa „musste“ dagegen schon. Wenn es um Explosionsgefahr geht, sollte (!) man meinen, dass verbindliche Handlungsanweisungen Pflicht sind: sollen kann hier den Unterschied zwischen sicherer Bedienung und einem unschönen Knall ausmachen.

Aber von vorn: sollen sowie müssen, können, dürfen, mögen und wollen werden im Deutschen als „Modalverben“ oder „modale Hilfsverben“ bezeichnet. Diese Verben haben einige Merkmale, die sie von anderen abheben: Sie stehen mit dem Infinitiv eines Vollverbs ohne zu und können miteinander kombiniert werden („Mögen hätte ich schon wollen“). Außerdem gehören sie, sprachhistorisch betrachtet, zu den Präteritopräsentia, das heißt: Was heute die Gegenwartsform ist, war einmal die Vergangenheitsform einer mittlerweile verlorengegangenen, älteren Gegenwartsform; wollen bildet hier eine Ausnahme. Schon formal ist alles an dieser Gruppe von Verben schwierig, aber auch über die Inhaltsseite lässt sich trefflich streiten. Bei der Diskussion über die heterogene Natur des Modalverbs in seinen grammatischen, pragmatischen und philosophischen Ausprägungen sind einige Punkte konkret für unsere Arbeit mit Informationsprodukten interessant.

Was leisten Modalverben?

Modalverben modifizieren einen Sachverhalt in seinem Bezug zur Wirklichkeit, und zwar in den Bereichen „Notwendigkeit“ (müssen, sollen, wollen) und „Möglichkeit“ (dürfen, können, mögen). Der Sachverhalt „Der Bediener öffnet die Maschine“ wird also durch Beigabe eines Modalverbs relativiert: „Der Bediener kann die Maschine öffnen“ bewegt die Handlung auf die Ebene des Möglichen – und in anderer Lesart zusätzlich auf die Ebene des Erlaubten. Man nehme als Beispiel den Satz „Du kannst jetzt gehen“: Gemeint ist meistens nicht die physische Fähigkeit zu gehen, sondern die Erlaubnis, den Ort zu verlassen. Wie bei können bewegt sich auch die Bedeutung der anderen Modalverben innerhalb eines Spektrums von absolut („Der Bediener muss etwas tun“) bis eventuell vielleicht („Der Bediener müsste ja wohl …“). Darüber hinaus kann zusätzlich zu Möglichkeiten oder Notwendigkeiten, die auf den objektiven Begebenheiten beruhen, auch die subjektive Meinung des Schreibenden mit einfließen.

Angezeigt werden all diese Abstufungen auf verschiedene Arten: Einsatz des Konjunktivs („müsste“), sogenannte Abtönungspartikel („ja“, „wohl“), die Wortstellung, die Anrede, die Betonung … einiges davon verliert in der Schriftsprache seine Wirkung oder ist für Informationsprodukte sowieso ungeeignet (Stichwort „Weichmacher“). Einige Modalverben sind schon für sich genommen wenig interessant für technische Texte: Von wollen ist vielleicht noch in Marketingtexten die Rede und das Wörtchen mögen ist ohnehin eine Sache für sich, da es im Deutschen kurioserweise hauptsächlich in seiner Konjunktivform unterwegs ist („ich möchte“ verhält sich zu „ich mag“ wie „ich könnte“ zu „ich kann“).

Punktgenauer Einsatz für eindeutige Lesarten

Was bleibt? Dürfen ist für Erlaubtes und (in negierter Form) für Verbotenes gut geeignet. Können ist gern gesehen: Wenn es ohne Abtönung verwendet wird, ist seine Bedeutung innerhalb technischer Texte eindeutig. Der Konjunktiv („dürfte“ und „könnte“) ist in den allermeisten Fällen übrigens überflüssig: Wie eingangs erwähnt, modifizieren die Modalverben selbst bereits den Wirklichkeitsbezug eines Sachverhalts – eine weitere Relativierung ist gar nicht nötig.

Und was ist nun mit der Explosionsgefahr? Sollen ist ganz weit vorn dabei, wenn es um die Auffächerung eines Bedeutungsspektrums geht: Aufforderung, Wunsch, Vorhaben, Erwartung, das alles meistens noch geschmückt mit dem Konjunktiv und einer gewissen Abneigung gegen absolute Ansagen: „Der Bediener sollte die Ventile schließen.“ Was genau bedeutet hier „soll“? Wie dringend ist es denn jetzt? Basiert die Handlungsanweisung auf harten Fakten („wenn nicht, dann knallt‘s“) oder auf einer Einschätzung des Schreibenden („wär vielleicht ganz gut“)? Modalverben haben ihren Platz in der Sprache, aber besonders bei Informationsprodukten lohnt es sich, ihre konkrete Verwendung kritisch zu prüfen.

Im vorliegenden Fall lässt sich die Problematik mit der Nutzung von müssen umgehen, denn müssen ist das Modalverb mit der geringsten Bedeutungsvariation. Das klingt vielleicht nicht so nett, aber Warnhinweise sind ja auch keine gut gemeinten Empfehlungen. „Der Bediener muss die Ventile schließen“ möchten wir im Lektorat in Zukunft also gerne lesen wollen.

 

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie unseren kothes Newsletter und Sie erhalten regelmäßig E-Mails zu aktuellen Themen, Veranstaltungen und Seminaren.

NEWSLETTER ABONNIEREN