Videorecherche in der Technischen Dokumentation

Der Schulterblick ist unbezahlbar.

Redaktion
© guruXOX / AdobeStock

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„Dann filmen wir das Ganze halt“. Dieser Lösungsweg blieb nach einem Ausschlussverfahren die letzte Möglichkeit für unser Projektteam, mit der wir das gesetzte Ziel erreichen konnten. Komplexe Produkte im Sondermaschinenbau, räumliche Distanz zu den Produkten, Wissensträger mit sehr geringem Zeitbudget für die Recherche und der Anspruch, auch kleine Details korrekt wiederzugeben, waren der Hintergrund für unsere Entscheidung.

Unsere Vorüberlegungen

Zunächst haben wir uns bewusstgemacht, dass wir Menschen vor uns haben würden, die teilweise vermutlich ungerne gefilmt werden möchten. Wir haben uns daher vor den Videoaufnahmen mit den Ansprechpartnern unterhalten und klargestellt, dass wir die Maschinen filmen werden und nicht die Person. Während der Videoaufnahme haben wir uns stets bemüht, dieses Versprechen einzuhalten. Wenn der Ansprechpartner das Gefühl hatte, sich ungünstig ausgedrückt zu haben, haben wir Aufnahmen auf Wunsch wiederholt.

Positive Erfahrungen und gezahltes Lehrgeld

Positiv hervorzuheben ist ganz klar, dass komplexe Handlungsabläufe recht gut erfasst und konserviert werden können. Neben den Bildaufnahmen, die das Verhalten der Maschinen sehr genau gezeigt haben, waren auch die Tonspuren von unschätzbarem Wert. Nicht nur die Erklärungen der Ingenieure waren gut zu hören, sondern auch die Geräusche, die ein Einrasten verursacht, oder das Zischen einer Druckentlastung. All das hat zum Verständnis des Produkts und der Abläufe enorm beigetragen. Die Daten waren verfügbar und konnten auch von unterschiedlichen Redakteuren eingesehen werden. Präsenz an der Maschine war für die anschließende Redaktionsarbeit im Regelfall nicht mehr notwendig.

Die Kehrseite der Medaille war, dass im ersten Schritt unsere IT-Infrastruktur den größeren Datenmengen angepasst werden musste. Im Vergleich zur reinen Fotorecherche waren diese geschätzt um den Faktor 10 – 15 höher. Auch sollte man den Zeitbedarf zum Auswerten der Filme nicht unterschätzen. Gewissenhaftes Auswerten benötigt ein Mehrfaches der Filmdauer an Zeit.  Längere Abläufe zu filmen hatte teilweise zur Konsequenz, dass die Benennung der Videos nicht ausgereicht hat, um den Inhalt zusammenzufassen. Separate Inhaltsverzeichnisse mussten daher teilweise erstellt werden, was zusätzlichen Aufwand bedeutet hat. Oft war die Videoqualität zudem nicht ausreichend, um einzelne Frames in ausreichender Qualität in die Betriebsanleitung einzubinden. Separat erstellte Fotos waren also weiterhin unabdingbar. Nicht zuletzt hat sich herausgestellt, dass die Ingenieure als Wissensträger in den Recherchesituationen mit Kamera trotz aller Bemühungen weniger redselig waren als im freien Gespräch. Dass Videokameras deutlich schneller am Ende ihrer Akkukapazität sind als Fotokameras im Fotobetrieb, mussten wir auch erst lernen.

Lessons learned

Zurückblickend würden wir vermutlich vieles ähnlich machen. Insbesondere das „Abholen“ der Wissensträger und der Respekt vor deren Befindlichkeiten war nach meiner Einschätzung die Basis für den Erfolg der Videorecherche. Da wir den tatsächlichen Bedarf an Speicherplatz nun besser kennen, würden wir vermutlich andere Speicher- und Backup-Lösungen aufbauen. Vermutlich würden wir auch versuchen, kürzere Filmsequenzen mit einer maximalen Filmlänge von 4 bis 5 Minuten zu erzeugen. Aus der Erfahrung heraus, dass wir Fotos oft in einem zweiten Durchgang gemacht haben, würden wir heute eine ActionCam auf dem Blitzschlitten der Kamera platzieren, die die Videokamera ersetzt.

Unser Fazit: Wir können die Videorecherche – gut vorbereitet und richtig eingesetzt –  jeder Technischen Redaktion zur Recherche empfehlen. Videos sind eben teilweise Bilder mit 1000 Worten zusätzlich.

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