Lernen 4.0

Was es bei der Auswahl von Learning-Management-Systemen zu beachten gilt.

WissenProzesseRedaktion
© Rawpixel.com / Fotolia

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Stellen wir uns doch gemeinsam mal folgende Situation vor:

Die Weiterbildung in der Wir-sind-am-Puls-der-Zeit GmbH braucht eine Veränderung!

Lernen muss effizienter, individueller und „on demand“ stattfinden. Lerninhalte sollen kompakter, multimedialer und flexibel sein – darin sind sich alle einig.

Optionen wurden diskutiert, Für und Wider mehrfach abgewägt, Kosten hin- und hergeschubst ... Nun ist die Entscheidung gefallen: Ein Learning-Management-System (LMS) zur digitalen Bereitstellung von in sich geschlossenen Lerneinheiten und zur Organisation der Lernprozesse soll unternehmensweit etabliert werden.

Der Fahrplan dafür steht ebenfalls bereits und auf der To-do-Liste wird fleißig abgehakt:

Qualifizierungslücken erkennen – erledigt.

Lernbedarf ermitteln – erledigt.

Zielgruppe befragen – erledigt.

Lernziele definieren – erledigt.

Lernplattform auswählen – auweia!

Googelt man den Begriff „Lernplattform“, erhält man 421.000 Treffer, bei der Suche nach „E-Learning“ sind es 253.000 Ergebnisse und auch bei der Suche nach „Learning-Management-System“ (190.000 Treffer) scheint die Welt des digitalen Lernens noch nahezu endlos.

Um bei der Vielzahl an Systemherstellern eine qualitativ hochwertige, nachhaltige und zugleich wirtschaftliche Entscheidung zu treffen, kann ein Kriterienkatalog unterstützen. Welche Kriterien dieser Katalog konkret beinhaltet und mit welcher Gewichtung die Kriterien die Systemauswahl beeinflussen, hängt natürlich stark von den jeweiligen Projektanforderungen ab.

Prüfen Sie die Nutzungssituation!

Möchte man beispielsweise die Lerninhalte in verschiedenen Ländern und Sprachen bereitstellen, sollte man darauf achten, dass das System ein einfaches Handling der Sprachvarianten ermöglicht. Auch bei der Erstellung des Contents spielt das bereits eine Rolle: Werden die Lerninhalte in einem XML-basierten Autorentool verfasst, ist ein Ausleiten von Datenpaketen in eine Übersetzungssoftware kein Problem.

Bei der Frage des Wo lohnt sich außerdem auch ein Blick auf die konkrete Nutzungssituation. Während nahezu alle Systeme webbasiert sind und überall und jederzeit über den Webbrowser aufgerufen werden können, ist der Zugriff auf die Lerninhalte via Tablet oder Smartphone leider nicht bei allen Anbietern selbstverständlich. Deshalb sollte unbedingt geprüft werden, für welche Endgeräte ein System geeignet ist und welchen Mehraufwand die Aufbereitung des Contents für die verschiedenen Endgeräte bedeutet (Stichwort: Single-Source-Publishing).

Definieren Sie, für wen Sie das machen!

Meistens liegt bei der Einführung eines LMS der Fokus intern auf der Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter. Immer häufiger erkennen Unternehmen in der Bereitstellung von digitalen Lerneinheiten aber auch ein Potenzial für die Kundenbindung. Statt klassischer Produktschulungen in Präsenzveranstaltungen werden zunehmend digitale Lernmodule entweder im Rahmen des Kundenservice gratis zur Verfügung gestellt oder sogar als zusätzliches Produkt in das Portfolio aufgenommen. Im letzteren Fall wäre eine fehlende eCommerce-Schnittstelle beispielsweise ein K.O.-Kriterium bei der Wahl des Tools.

Zudem sollte man schon früh eine grobe Vorstellung von der Anzahl der benötigten Lizenzen haben, denn diese hat zum einen großen Anteil an den Gesamtkosten des Systems, zum anderen kommt es bei manchen Tools bereits bei mehreren Hundert Nutzern zu Performance-Problemen.

Entscheiden Sie, welche Medien Sie nutzen möchten!

Ein Benefit, das sich alle Systemhersteller auf die Fahne schreiben, ist die Einbindung multimedialer Inhalte. Multimedial ist aber nicht gleich multimedial. Während die Einbindung von Text, Bild und Video meist schon Usus ist, lassen sich Podcasts oder Animationen bei weitem nicht immer integrieren. Von Augmented oder Virtual Reality mal ganz zu schweigen.

Auch die Möglichkeit, bereits vorhandene Daten zu importieren (z. B. Präsentationen) oder die erstellten Inhalte zu exportieren (z. B. als PDF), können bei der Wahl des Tools eine Rolle spielen.

Hinterfragen Sie, welche Rolle Motivation und Leistungskultur spielen!

Unternehmen, in denen eine ausgeprägte Wettbewerbs- und Leistungskultur vorherrscht, werden vermutlich auch Kriterien wie Gamification, Challenges oder Reporting in den Kriterienkatalog aufnehmen. Dabei können Belohnungsanreize wie Fortschrittsanzeigen, virtuelle Bonuspunkte oder Abzeichen und Zertifikate ebenso eine Rolle spielen wie Wettkämpfe, Rankings und Preise.

Viele Systeme erheben im Hintergrund eine Vielzahl an zum jeweiligen Lernvorgang gehörende Daten: Verweildauer auf einzelnen Seiten, Bearbeitungszeit bei Übungsaufgaben oder Lernerfolgskontrollen, Bewegungsmuster zwischen Modulen oder Seiten einzelner Module usw. Diese Daten werden abgeglichen mit den profilbezogenen Daten, den Ergebnissen bei Tests und den durchschnittlichen Testergebnissen aller Nutzer, um das Lernen noch individueller zu gestalten und um den jeweiligen Lernbedarf besser zu treffen. Dieses Mitlernen des Systems wird in der Regel unter dem Begriff „Learning Analytics“ zusammengefasst.

Die hier genannten Auswahlkriterien bilden nur einen Bruchteil aller Möglichkeiten ab. So spielen selbstverständlich Budget, Support-Angebote durch den Hersteller oder die Anpassungsmöglichkeiten an das eigene Corporate Design ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entscheidung. Das Preissegment für Learning-Management-Systeme ist weit gefächert und nicht immer muss das teuerste Tool auch das beste sein.

Falls auch Sie gerade vor solch einer herausfordernden Entscheidung stehen, können wir Ihnen nur empfehlen, in aller Ruhe Ihren eigenen Kriterienkatalog zu erstellen. Denn Sie wissen ja: Nur wer weiß, wo er hinmöchte, kann auch dort ankommen.