Additive Manufacturing verändert auch die Technische Dokumentation

So schnell – und schon fertig?

WissenProzesseRedaktion
© mari1408 / Fotolia

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Als mir mein Chef mitteilte, dass er ein Vertriebsprojekt im Bereich „Additive Manufacturing“ starten möchte, war ich zunächst skeptisch. Wieso sollte sich dadurch für uns als Dienstleister für Technische Dokumentation und Informationserstellung etwas ändern? Ich unterhielt mich zunächst mit meinem Kollegen, der bereits mit einem Kunden in diesem Bereich erfolgreich zusammenarbeitet, über die möglichen Einsatzgebiete und Besonderheiten der Technischen Dokumentation in diesem Umfeld. Schnell wurde klar, dass durch diesen neuen Produktions- und Produktentwicklungsprozess ganz andere Herausforderungen für die ursprüngliche Dokumentation entstehen werden.

Um noch mehr in die Thematik einzutauchen, begab ich mich auf die Konferenz „Additive 2018“ in Hamburg. Ziel war es herauszufinden, inwieweit sich diese neue Technologie von den bisherigen Produktionsprozessen und dem typischen Maschinen- und Anlagenbau unterscheidet.

Vieles davon hat mein Kollege Uwe Frank bereits in seinem Artikel „3D-Drucker machen Druck“ erwähnt, auf das ich nicht doppelt eingehen möchte.

Grundsätzlich geht es darum, dass das bereits hohe Tempo in der Entwicklung und Fertigung von Maschinen und Bauteilen bereits heute teilweise zu Rückständen in der Technischen Dokumentation führt. Durch die Fertigung durch Additive Manufacturing wird diese Herausforderung in Zukunft noch einmal erhöht.

  • Wie kann man also diesem digitalen Prozess begegnen, der eine Vielzahl von Varianten in einer sehr kurzen Entwicklungszeit ermöglicht?
  • Und was bedeutet es für die Technische Dokumentation, wenn ein Bauteil digital entworfen und im 3D-Druck produziert wird? Ändert sich dadurch überhaupt etwas an der bisherigen Dokumentation?
  • Sind zum Beispiel neue Montage- oder Wartungsanweisungen notwendig, die die Eigenschaften des Produkts berücksichtigen?

Überwiegend lässt sich das nur individuell beurteilen und beantworten. Bei der Fertigung von unkomplizierten Ersatzteilen, die im Markt sonst nicht mehr verfügbar wären, wie zum Beispiel einem Schraubverschluss, können diese Fragen getrost ignoriert werden. Spätestens bei einem Bauteil wie dem durch Additive Manufacturing gefertigten Bremssattel von Bugatti  sollte man sich aber mit den Auswirkungen beschäftigen. Denn durch Additive Manufacturing ist es möglich, wichtige Bauteile, wie eben den Bremssattel, sehr schnell zu optimieren und dabei dokumentationsrelevante Änderungen in nie dagewesener Geschwindigkeit zu erzeugen.

Antworten geben, bevor die Frage aufkommt

Wie kann also eine Alternative zu den bisherigen Prozessen in der Technischen Dokumentation aussehen? Ein ganz neuer Denkansatz kann hilfreich sein: weg von Dokumenten – hin zu Informationseinheiten, genannt Topics. Die Aufgabe von Topics ist es, Informationen in so konzentrierter Form zu liefern, dass sie die EINE Antwort auf die EINE Frage geben (z. B. Wie muss dieses individuelle Bauteil montiert werden?) und das in dem Moment, in dem die Frage gestellt wird.

Um aus der Vielzahl an Antworten die eine richtige Antwort zu fischen, gilt es, die Topics mit Metadaten zu versehen. Vernetzt man diese Metadaten anschließend noch clever, gewinnt man Synergien, die so weit reichen, dass die EINE Antwort schon geliefert wurde, bevor die Frage überhaupt aufkommt.

Damit man mit dem hohen Tempo der Produktentwicklung mithalten kann, sollten die  Informationsbausteine direkt an die Engineering-Prozesse angebunden werden. Dies betrifft nicht nur die Information an sich (Verbindung von ERP zum Redaktionssystem ), sondern auch Kommunikationsprozesse im Unternehmen (Informationsfluss zu Beginn des Designs). Es werden Schnittstellen zu PLM-Systemen benötigt bzw. bestehende Schnittstellen müssen erweitert werden.

Zudem werden Informationsportale benötigt, die die Information "live" zu den Nutzern transportieren; Ersatzteilkataloge müssen diesem Geschehen Rechnung tragen.

Das Qualitätsmanagement wird sich an neue, wesentlich schnellere Prozesse gewöhnen müssen, um Produktfreigaben "on the fly" realisieren zu können.

Kurzum: Es sind viele, für sich genommen überschaubare Stellschrauben, an denen die Unternehmen drehen müssen, um die Information, die zu jedem Produkt gehört, auf die gleiche Reise schicken zu können wie das Produkt selbst. 

Damit ist das Additive Manufacturing in der Tat ein Katalysator für eine ganze Reihe von Prozessen, die nun vor der Tür stehen – die Technische Dokumentation ist nur eine Facette, hat jedoch die einmalige Chance, hier ihre Innovationskraft eindrucksvoll unter Beweis zu stellen.

Das Vertriebsprojekt habe ich nun verstanden ...